Verloren im Wald (The Ritual von Adam Nevill)
Seit ein paar Jahren habe ich eine kleine Tradition: Einmal im Jahr lese ich ein Buch von Adam Nevill. Dieses Jahr habe ich mir Last Days vorgenommen; letztes Jahr war es The House of Small Shadows und davor Apartment 16. Angefangen hat natürlich alles mit The Ritual, über das wir heute sprechen werden.
Handlung
Vier alte Schulfreunde brechen zu einer Wanderung durch die Wälder Schwedens auf. Doch einer von ihnen, Dom, verletzt sein Knie und kann nicht weitergehen. Nach einer kurzen Diskussion beschließen sie, ihre Route abzukürzen und quer durch den Wald zu gehen. Kaum eingetreten, stoßen sie zuerst auf einen Kadaver, der von einem Baum hängt, und finden anschließend eine verlassene Hütte, in der sie alle schreckliche Albträume erleben. Als ihnen klar wird, dass im Wald etwas Seltsames vor sich geht, versuchen sie zu fliehen. Doch den Wald zu verlassen erweist sich als viel schwieriger, als ihn zu betreten.
Erzähltechnische Zweiteilung
Einer der größten Schwächen des Romans ist seine gespaltene Struktur: Der erste Teil ist ein unheimlicher, langsam aufbauender Survival-Horror in einer einsamen Waldwildnis, während der zweite Teil in einen psychologischen Thriller mit Slasher-Elementen übergeht, der im Verlauf auch mystische Züge annimmt. Diese narrative Zweiteilung ist nicht jedermanns Sache.
Es fühlt sich an, als sei das Buch entweder von verschiedenen Autoren geschrieben worden oder in völlig unterschiedlichen Lebensphasen des Autors entstanden. Tatsächlich gibt es ein Gerücht (für das ich keinen Beweis gefunden habe – ich habe aber auch nicht sehr gründlich gesucht), dass The Ritual aus einer früheren Novelle namens Children of the Beast hervorgegangen sei, die Nevill lange vor seinen Veröffentlichungen unter echtem Namen geschrieben haben soll. Für diejenigen, die es nicht wissen: Adam Nevill schrieb früher Erwachsenenromane unter dem Pseudonym Lindsay Gordon, die man heute noch beispielsweise auf Amazon findet.
Struktur
Was mir an The Ritual am besten gefallen hat, war seine Struktur. Der Roman ist in 69 kurze Unterkapitel auf rund 450 Seiten aufgeteilt, im Durchschnitt also etwa 6,5 Seiten pro Abschnitt – sehr angenehm zu lesen. Nevill nutzt Cliffhanger, um den Leser immer weiterzuziehen: Man beendet eine Seite und denkt sich: „Ach, das nächste Kapitel schaffe ich auch noch“, und plötzlich hat man an einem Tag die halbe Handlung verschlungen. Diese Technik erinnerte mich sehr an Stephen King, der ebenfalls gerne mit kurzen Unterkapiteln arbeitet.
Atmosphäre
Der Roman zieht den Leser schnell in eine langsame, schleichende Horroratmosphäre hinein. Die Angst entsteht nicht durch das, was man sieht, sondern durch das, was man nicht sieht. Riesige Tierkadaver, die von Bäumen hängen, sind nicht wegen ihres Anblicks erschreckend, sondern wegen der Frage, wer oder was sie dorthin gehängt hat.
Das Setting – skandinavische Wälder mit ihren ständig grauen, verregneten Himmeln und dem undurchdringlichen Baumdach – verstärkt die Beklemmung zusätzlich.
Ehrlich gesagt stellte ich mir beim Lesen alles in Grautönen vor. Der Detailgrad erzeugt eine ungewöhnlich dichte Immersion, was in Horrorliteratur eher selten ist.
Der zweite Teil hingegen ist das genaue Gegenteil des ersten. Die Atmosphäre wechselt von langsam und spannungsgeladen zu schnell und chaotisch, mit völlig durchgedrehten Figuren und einer mittelmäßigen Slasher-Handlung, der mystische Elemente beigemischt wurden. Neue Figuren treten auf, die in ihrer Exzentrik den Waldteil problemlos übertreffen. Doch der abrupte Genre- und Plotwechsel wirkt eher ernüchternd als erfrischend. Obwohl der zweite Teil dynamischer ist, hat er mir weniger gefallen.
Plotkonsistenz
Ein Rezensent auf FantLab schrieb: „Der Plot ist nicht bahnbrechend, aber die Ausführung ist ausgezeichnet“, und ich stimme zu. Nevill erfindet hier das Rad nicht neu; er erzählt eine alte Geschichte einfach sehr gut. Der Wald-Horror ist eines der besten Stücke des Genres, das ich gelesen habe, und der Slasher-Teil ist zwar durchschnittlich, schmälert den Gesamteindruck aber nicht.
Charaktere
Was die Figuren betrifft, lohnt es sich kaum, die Charaktere aus dem zweiten Teil ausführlich zu beschreiben – diejenigen, die das Buch gelesen haben, wissen warum. Nevill führt den Leser in eine Subkultur fanatischer Menschen, die an übernatürliche Kräfte glauben. Um Spoiler zu vermeiden, belasse ich es dabei.
Im ersten Teil hingegen begegnen wir vertrauteren, aber dennoch interessanten Figuren. Auf den ersten Blick wirken sie wie gefestigte Männer, „Herren ihres eigenen Lebens“. Doch das ist alles nur Fassade. Derjenige, der im Einzelhandel arbeitet, ohne Geschäft oder Millionen auf dem Konto, ist vielleicht sogar der glücklichste von allen. Nevill kontrastiert meisterhaft die übernatürlichen Schrecken mit den Ängsten mittelalter Männer: Angst vor Versagen, Angst, schwach dazustehen, Angst vor Schulden, Geschäftspleiten, Scheidung und dem Verlust des gesellschaftlichen Status. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was davon schlimmer ist.
Verfilmung
Kurz gesagt: Sie ist solide und definitiv sehenswert. Wenn du den Film noch nicht gesehen hast, kann ich ihn empfehlen. Aber Vorsicht – die Schlüssellinie „We’re here because of you“ hat im Film eine völlig andere Bedeutung.
Fazit
The Ritual ist ein solider Horrorroman, der genau das tut, was er soll: Er erschreckt die einen mit seiner Waldatmosphäre, andere mit seinen wahnsinnigen Figuren und mythischen Kreaturen, und wieder andere mit der Darstellung von Schulden, gesellschaftlichem Druck und Erwartungen.
Seit meiner Lektüre von The House of Small Shadows ist nicht einmal ein Jahr vergangen, und doch ist fast alles aus diesem Buch aus meinem Gedächtnis verschwunden (Gott sei Dank für Notizen). The Ritual hingegen habe ich vor drei Jahren gelesen, im Mai 2017, und ich erinnere mich noch immer lebhaft an fast jede Szene… was meiner Meinung nach etwas bedeutet.