Traue dir selbst nicht! (NIGHT – Nacht der Angst von Riley Sager)
Mit diesem Buch (und mit diesem Autor) bin ich eher zufällig in Berührung gekommen, als mir der Roman LAKE – Das Haus am dunklen Ufer ins Auge fiel. Vor einiger Zeit hatte ich einen Film mit einem sehr ähnlichen Titel gesehen (mit der großartigen Rebecca Hall in der Hauptrolle) und dachte zunächst, es handle sich um die literarische Vorlage. Doch das stellte sich als Irrtum heraus. Trotzdem wurde ich so auf einen Autor namens Riley Sager aufmerksam, der – wie sich zeigte – bereits acht Romane veröffentlicht hatte. Also ging ich in den Buchladen und kaufte gleich die ersten sechs (sie wurden in Dreierpaketen verkauft). Als Einstieg fiel meine Wahl auf NIGHT – Nacht der Angst, da es auf den ersten Blick als das „leichteste“ der Bücher wirkte.
Handlung
1991. Die Studentin Charlie Jordan ist von einer Tragödie erschüttert: Einige Monate zuvor wurde ihre Freundin und Mitbewohnerin im Wohnheim von einem Serienmörder getötet, der den Spitznamen „Campus Killer“ erhielt. Charlie sah den mutmaßlichen Täter lediglich von hinten und kann sich daher an nichts erinnern, was der Polizei weiterhelfen könnte. Schuldgefühle, Erschöpfung und Angst werden durch aufdringliche Visionen verstärkt, in denen die Realität von „Filmen im Kopf“ überlagert wird.
Entschlossen, ihr Studium vorzeitig abzubrechen und nach Hause zurückzukehren, hängt Charlie im Studentenzentrum einen Zettel aus, um eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Darauf meldet sich ein junger Mann namens Josh – höflich, ruhig, ein wenig seltsam. Doch je dunkler die Nacht wird und je weiter sich die Straße vor ihnen erstreckt, desto stärker beschleicht Charlie der Verdacht, dass Josh genau jener Serienkiller sein könnte. Oder bildet sie sich das alles nur ein?
Entwicklung der Handlung
Der Roman spielt sich innerhalb einer einzigen Nacht ab, was der Erzählung eine dichte, beinahe filmische Spannung verleiht. Alles wird durch Charlies Wahrnehmung gefiltert – einer Protagonistin, die nicht nur eine unzuverlässige Erzählerin ist, sondern vielmehr jemand, der nicht einmal sich selbst trauen kann. Das ist ein durchaus interessanter erzählerischer Kniff: eine Hauptfigur, bei der unklar bleibt, wo Realität endet und Einbildung beginnt. Das Problem ist jedoch, dass dieses Stilmittel gegen Ende an Wirkung verliert und letztlich kaum Einfluss auf den Ausgang der Geschichte hat.
Sager überlädt den Text nicht mit unnötigen Beschreibungen – alles ist darauf ausgerichtet, den atmosphärischen Druck zu erhöhen. Doch davon gibt es hier schlicht zu viel. Etwa ab der Mitte des Buches entsteht der Eindruck, dass Sager immer wieder dieselben Motive durchkaut und lediglich Seiten füllt, um aus einer durchaus brauchbaren Novelle einen eher mittelmäßigen Roman zu machen.
In der Summe bricht die Mitte des Buches sowohl atmosphärisch als auch in puncto Dynamik komplett ein. Der Geschichte fehlt schlicht der Stoff für diesen Umfang.
Atmosphäre
Stilistisch und atmosphärisch versucht Sager ein angespanntes Katz-und-Maus-Spiel aufzubauen, in dem niemand die ganze Wahrheit sagt und die Realität selbst vielleicht nur ein Konstrukt eines erschöpften, traumatisierten Geistes ist. Ehrlich gesagt ist das interessant – und stellenweise sogar fesselnd.
Hinzu kommt, dass Sager sehr schlicht und ausgesprochen filmisch schreibt, als würde er Szenen direkt durch eine Kamera inszenieren: Blickwinkel, Details, Schatten auf Gesichtern, Atem, der Spuren auf Glas hinterlässt. Der Autor spielt bewusst mit Klischees aus Horror- und Thrillerfilmen: der geheimnisvolle Mitfahrer, die nächtliche Straße, verlassene Tankstellen, all die „Red Flags“, die darauf hindeuten, dass etwas nicht stimmt. Doch er reproduziert sie nicht einfach, sondern interpretiert sie neu – durch den subjektiven Blick der Heldin.
Trotz mehrerer Schauplätze ist NIGHT – Nacht der Angst im Kern ein klassischer „Closed-Space“-Roman. Die Handlung verlässt kaum den engen Rahmen eines Autos, einer einzigen Nacht, eines langen Dialogs zwischen zwei Menschen. Das schafft eine intensive, beinahe kammerspielartige Spannung, bei der jede Replik zählt.
Und vielleicht am wichtigsten: Das Buch liest sich recht leicht. Mit der richtigen Stimmung lässt sich NIGHT – Nacht der Angst problemlos an ein oder zwei Abenden verschlingen.

Figuren
Was die Figuren betrifft, ist nicht alles gelungen. Charlie, die Hauptfigur, weckt nur wenig Sympathie. Trotz ihrer Tragödie verweigert sie bewusst eine Behandlung ihrer Neurosen und entscheidet sich dafür, vor ihren Problemen davonzulaufen, statt sie anzugehen.
Robbie, Charlies Freund – den sie zu verlassen erwägt, weil er „zu gut“ für sie sei –, ist in seiner Logik eine Katastrophe (zumal er selbst teilweise für das Geschehen der Handlung verantwortlich ist). Die finale Wendung, die mit ihm zusammenhängt, ruft höchstens ein Schmunzeln hervor, da sie sich kaum mit den Ereignissen des Buches vereinbaren lässt (es sei denn, Charlie ist tatsächlich so naiv und unaufmerksam – was ebenfalls nicht ausgeschlossen ist).
Josh wiederum, dessen Schuld Charlie so verbissen zu beweisen versucht, ist auch kein besonders heller Kopf. Das wird spätestens nach etwa einem Drittel des Buches deutlich, wenn er beginnt, sich in seinen eigenen Geschichten zu verstricken und dadurch immer mehr Verdacht auf sich zieht.
Und dann ist da noch Marge – wohl die interessanteste Figur, die erst nach der Hälfte der Geschichte auftaucht. Ja, sie richtet einiges an Schaden an, doch es fällt schwer, ihr Vorwürfe zu machen, da sie über eine geradezu betonfeste Motivation verfügt (im Gegensatz zu den meisten anderen Figuren).
Finale
Nachdem das Buch einen extrem langgezogenen und ermüdenden zweiten Akt hinter sich gelassen hat, stürzt es sich regelrecht ins Finale. Positiv ist, dass der Leser Antworten auf alle offenen Fragen erhält. Negativ hingegen, dass die meisten dieser Antworten entweder vorhersehbar sind oder schlicht nicht zur Geschichte passen (die bereits erwähnte Wendung rund um Robbie). Trotzdem kann man das Ende in gewisser Weise als episch bezeichnen – zumindest fehlt es ihm nicht an Feuer.
Big Idea
Versucht man, eine inhaltliche Aussage herauszuschälen, dann ist es – wie so oft bei Geschichten dieser Art – die Akzeptanz des Geschehenen. Charlie ist verletzlich, von Schuldgefühlen überladen, zur Selbstanklage neigend, aber gleichzeitig auf der Suche nach Sinn. Ihre übersteigerte Visualität – das „Kino im Kopf“ – ist nicht nur ein erzählerisches Stilmittel, sondern Ausdruck von Trauma und Isolation.
Daraus ergibt sich eine weitere interessante Frage: Was ist gefährlicher – ein realer Mörder oder die eigenen Ängste? Sager zwingt den Leser dazu, darüber nachzudenken, wie sehr wir uns selbst vertrauen – und wie sehr dem, was wir zu sehen glauben.
Der Autor
Abschließend ein paar Worte zum Autor. Riley Sager ist das Pseudonym des amerikanischen Schriftstellers Todd Ritter, der unter diesem Namen nahezu jedes Jahr einen Thriller veröffentlicht. Diese Produktivität blieb nicht unbeachtet: Seine Bücher erscheinen in über drei Dutzend Ländern, die Gesamtauflage hat die Marke von drei Millionen Exemplaren überschritten. Zudem sind zwei Verfilmungen in Arbeit: Universal adaptiert Final Girls, während Netflix an einer Umsetzung von LAKE – Das Haus am dunklen Ufer arbeitet.
Fazit
Unterm Strich ist NIGHT – Nacht der Angst ein dynamischer psychologischer Thriller, der Spannung erzeugt … aber nicht immer überzeugt. Stellenweise filmisch und atmosphärisch, stellenweise zäh und überdehnt. Die Geschichte trägt nicht über die gesamte Länge, liest sich jedoch leicht. Von mir ein klares „gut“ – und als Einstieg in das Werk eines neuen Autors sogar ein „sehr gut“.