Massaker in einer ruhigen Straße („Regulator“ von Stephen King)

Massaker in einer ruhigen Straße („Regulator“ von Stephen King)

April 19, 2019

Als leidenschaftlicher Fan von Stephen King schaffe ich es meistens erst beim zweiten oder dritten Versuch, mich durch seine „schwerer verdaulichen“ Romane zu kämpfen. So war es bei Das Spiel und Das Mädchen, das Tom Gordon liebte. Diese Romane waren nicht schlecht, sie passten einfach nicht zu meiner Stimmung (wahrscheinlich). Bei Regulator war die Geschichte jedoch eine andere. Ich habe das Buch etwa fünfmal angefangen. Und jedes Mal, als ich weiter und weiter las, habe ich es aufgegeben, weil es mir schwerfiel, mich durch die Kette zusammenhangsloser Ereignisse und Charaktere zu kämpfen. Doch schließlich nahm ich all meinen Mut zusammen und beschloss, Regulator endlich abzuschließen.

Handlung

An einem warmen Sommertag fährt ein unbekannter Lieferwagen in die Pappelstraße der kleinen Stadt Wentworth, Ohio. Wer auch immer die Insassen sind – sie eröffnen das Feuer auf die Anwohner des Viertels. Die Menschen rennen um ihr Leben, verstecken sich in ihren Häusern … Doch nachdem die Schüsse verklungen sind, fährt der Lieferwagen davon. In Panik, dass er zurückkehren könnte, versuchen die Bewohner, die Polizei zu rufen … aber die Telefone funktionieren nicht. Wer kann jetzt helfen? Wohin soll man fliehen? Und was zur Hölle geht hier überhaupt vor sich?

Massaker in einer ruhigen Straße („Regulator“ von Stephen King)

King oder Bachman?

Man sollte zunächst erwähnen, dass Regulator ein Roman von Richard Bachman ist. Falls jemand es nicht weiß: Das ist nicht nur ein Pseudonym von King. Unter „Bachman“ veröffentlichte er ziemlich harte, manchmal sogar brutale Romane (wie etwa Rage, das in den USA verboten wurde). Der einzige Nachteil dieser Werke – meiner bescheidenen Meinung nach – ist, dass die Figuren oft oberflächlich bleiben. Das passiert King unter seinem echten Namen fast nie. Insgesamt waren die „Bachman“-Bücher aber durchaus gelungen, zumal dieser Autor ein früher King war.

Fast alle „Bachman“-Romane erschienen zu Beginn von Kings Karriere (fünf Bücher von 1977 bis 1984), mit zwei Ausnahmen: Blaze, das King angeblich verlegt hatte, und Regulator, das er wohl irgendwo versteckte, um es umzuschreiben – vermutlich, weil es selbst für Bachman nicht gut genug war. Nun, auch in der überarbeiteten Version weist Regulator einige Stärken auf, bleibt aber trotzdem ziemlich schwach …

Die Probleme des Romans

Das Buch hat einfach zu viele Probleme:

  • Die Charaktere – Es gibt in Regulator eine Unmenge davon. So viele, dass man leicht den Überblick verliert. Normalerweise kann King mit vielen Figuren umgehen, indem er selbst den unbedeutendsten von ihnen langsam und gründlich ausarbeitet. Doch hier? Hier gibt es weder eine ausgearbeitete Geschichte noch richtige Charaktere. Stattdessen bekommt man eine Ansammlung von leeren Hüllen, die sich nur durch ihre Namen unterscheiden. Die einzigen Lichtblicke sind Seth Garin (der Junge, der den Hauptantagonisten „traf“) und seine Tante Audrey Wyler.
  • Unmengen an Anspielungen – Das ganze Buch besteht aus Referenzen auf billige (und bei uns völlig unbekannte) TV-Serien über den Wilden Westen und Weltraumabenteuer. Das Problem ist nicht einmal, dass diese Serien niemand kennt. Es gibt einfach zu viele Anspielungen – auf nahezu jeder Seite. Es fühlt sich nicht wie ein eigenständiges Buch an, sondern eher wie ein Fanfiction zu Trash-Shows.
  • Ein fehlender Protagonist – Es gibt keine zentrale Figur, mit der man mitfiebern könnte. Die emotionale Verbindung zwischen Leser und Charakteren fehlt komplett. Man blättert nicht um, weil man wissen will, was als Nächstes passiert, sondern einfach, um das Buch möglichst schnell zu beenden.
  • Ein schwacher Antagonist – Es wäre okay gewesen, wenn der Bösewicht wenigstens eine nachvollziehbare Motivation gehabt hätte …

Positive Aspekte

  • Die Grundidee – Die Idee, Figuren in ein Kinderspiel zu versetzen, das auf TV-Serien basiert, ist durchaus originell. Aber es fällt schwer, mit den Charakteren mitzufühlen, denn im Grunde haben sie keine Kontrolle über das Geschehen. Egal, was sie tun – die Fantasie eines Kindes kann alles ändern (was im Buch auch ständig passiert). In Kombination mit den ohnehin schwachen Figuren ergibt sich ein ziemlich trauriges Gesamtbild.
  • Die Nebenhandlung – Die Geschichte um Seth Garins Familie, die nach Desperation kommt und den Hauptbösewicht freisetzt, war überraschenderweise viel interessanter als der Hauptplot.

Aber so sehr ich meinen Lieblingsautor auch loben möchte – diese positiven Aspekte können die Schwächen des Romans nicht aufwiegen. Schade, denn die Idee hätte Potenzial gehabt.

Und das Ende, das endlich erklärt, „was zur Hölle hier los ist“, enttäuscht nur und bestätigt erneut, dass es ohnehin keinen Grund gab, sich um die Charaktere zu sorgen.

Die große Idee?

Vielleicht wollte King sagen, dass Fernsehen verrückt macht oder dass es leicht ist, in den Kopf eines Menschen einzudringen. Vielleicht. Oder vielleicht ist es einfach nur blutiger Trash, den der Horror-König in einer kreativen Flaute veröffentlicht hat. Ich halte Letzteres für wahrscheinlicher.

Übrigens veröffentlichte King fünf Jahre nach Regulator, im Jahr 2001, den Roman Duddits, der überraschend viele Handlungselemente aus Regulator übernahm. Wahrscheinlich hat er versucht, Regulator noch einmal zu schreiben – diesmal ordentlich. Allerdings ist ihm das meiner Meinung nach nicht gerade brillant gelungen.

Massaker in einer ruhigen Straße („Regulator“ von Stephen King)

Fazit

Regulator ist wohl Kings schwächster Roman bisher. Die Grundidee ist nicht schlecht, und natürlich liest sich das Buch leicht. Aber die völlige Absurdität der Ereignisse, die jeglicher Logik entbehren, kombiniert mit uninteressanten Figuren, macht Regulator zu einer äußerst langweiligen Lektüre. Schade.

5 Cowboyhüte von 10. Der schlechteste King-Roman aller Zeiten (meiner Meinung nach).